Integration beginnt oft nicht in Behörden oder politischen Debatten, sondern direkt vor der eigenen Haustür. In dieser Folge von mit Milch und Zucker sprechen wir mit Christine und Fatima vom Verein Nachbarinnen Wien über gelebte Integration, Empowerment von Frauen und darüber, warum Nachbarschaft weit mehr sein kann als ein freundliches Grüßen im Stiegenhaus.
Seit 2012 begleitet der Verein Frauen und Familien mit Migrationsgeschichte beim Ankommen in Österreich. Die sogenannten Nachbarinnen sprechen dieselbe Sprache, kennen den kulturellen Hintergrund der begleiteten Frauen und helfen dabei, Schritt für Schritt selbstständig im österreichischen Alltag zurechtzukommen. Ihr Ziel ist dabei nicht Abhängigkeit, sondern Hilfe zur Selbsthilfe.
Was sind die Nachbarinnen Wien?
Die Nachbarinnen Wien sind speziell ausgebildete Sozialassistentinnen, die Frauen und Familien direkt in ihrem Wohnumfeld begleiten. Sie unterstützen unter anderem bei Behördengängen, Arztbesuchen, dem Kontakt mit Schulen oder Kindergärten sowie bei Fragen rund um Bildung, Gesundheit und den österreichischen Alltag.
Der entscheidende Unterschied: Die Begleiterinnen sprechen die Muttersprache der Familien und verstehen deren kulturellen Hintergrund. Dadurch entsteht Vertrauen oft dort, wo klassische Beratungsangebote nur schwer Zugang finden.
Das Ziel jeder Begleitung ist klar definiert: Die Frauen sollen möglichst schnell selbstständig werden und ihren Alltag eigenständig meistern können.
Integration bedeutet Hilfe zur Selbsthilfe
Im Podcast erklärt Fatima, dass ihre Arbeit nicht darin besteht, Probleme dauerhaft für Familien zu lösen. Vielmehr begleiten die Nachbarinnen Frauen auf ihrem Weg, bis sie ihre Angelegenheiten selbst erledigen können.
Nach etwa acht Wochen wird gemeinsam überprüft, welche Fortschritte bereits erreicht wurden und welche Ziele noch offen sind. Dadurch entsteht ein klar strukturierter Prozess, der Selbstvertrauen stärkt und langfristige Eigenständigkeit fördert.
Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie stolz viele Frauen darauf sind, Behördentermine, Arztbesuche oder Gespräche mit Schulen schließlich alleine bewältigen zu können.
Warum Vertrauen der wichtigste Schlüssel zur Integration ist
Viele Frauen erfahren vom Verein durch andere Familien, die bereits begleitet wurden. Empfehlungen innerhalb der Community schaffen Vertrauen und erleichtern den ersten Kontakt.
Christine beschreibt, dass Integration nur dann gelingen kann, wenn beide Seiten bereit sind, aufeinander zuzugehen. Nicht nur Menschen mit Migrationsgeschichte müssen sich in einer neuen Gesellschaft orientieren auch die Aufnahmegesellschaft trägt Verantwortung dafür, Offenheit zu zeigen.
Gerade persönliche Begegnungen helfen dabei, Vorurteile abzubauen. Wer miteinander spricht, erkennt schnell, dass hinter jeder Familie individuelle Geschichten, Hoffnungen und Herausforderungen stehen.
Frauen stärken, Familien stärken
Ein zentrales Anliegen der Nachbarinnen Wien ist das Empowerment von Frauen. Wenn Frauen selbstständig werden, wirkt sich das positiv auf die gesamte Familie aus.
Dabei geht es nicht darum, Familien zu trennen oder bestehende Strukturen aufzubrechen. Vielmehr unterstützen die Nachbarinnen Familien dabei, gemeinsam Lösungen zu finden und Konflikte konstruktiv zu bewältigen.
Werkzeuge wie Familienkonferenzen fördern den respektvollen Umgang miteinander und helfen dabei, Entscheidungen gemeinsam zu treffen.
Integration beginnt im Alltag
Viele Integrationsdebatten konzentrieren sich auf politische Schlagzeilen. Christine und Fatima zeigen jedoch, dass Integration vor allem im täglichen Leben stattfindet.
Es geht darum,
- NachbarInnen kennenzulernen,
- Kinder in Schulen zu begleiten,
- Arzttermine zu verstehen,
- Behördenwege erfolgreich zu meistern,
- Sprache zu lernen,
- Selbstvertrauen aufzubauen.
Gerade diese kleinen Schritte entscheiden darüber, ob Menschen langfristig Teil einer Gesellschaft werden.
Vorurteile abbauen durch persönliche Begegnungen
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist der Umgang mit Vorurteilen. Beide Gesprächspartnerinnen betonen, dass Vorurteile oft dort entstehen, wo persönliche Erfahrungen fehlen.
Wer Familien begleitet oder ihnen begegnet, erkennt schnell, mit welchen Herausforderungen sie täglich konfrontiert sind. Viele kämpfen gleichzeitig mit einer neuen Sprache, einem unbekannten Bildungssystem, Behörden, Wohnungssuche und dem Wunsch, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
Persönliche Begegnungen schaffen Verständnis – weit mehr als jede öffentliche Debatte.
Warum Integration uns alle betrifft
Christine beschreibt Integration als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe. Österreich investiert in Kinder und Familien, die langfristig Teil der Gesellschaft werden und diese mitgestalten.
Gut gelungene Integration bedeutet deshalb nicht nur Unterstützung für einzelne Familien, sondern auch Investitionen in Bildung, Fachkräfte und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Die Arbeit der Nachbarinnen zeigt eindrucksvoll, dass Integration vor allem dort gelingt, wo Menschen einander kennenlernen.
Jetzt die Podcast-Folge anhören
🎧 Podcast: Nachbarinnen, die man kennt – Ein Blick in die integrative Vereinsarbeit von Frauen für Frauen
➡️ https://mitmilchundzucker.podigee.io/295-nachbarinnen-in-wien
Mehr Informationen über den Verein gibt es unter: www.nachbarinnen.at
Instagram @nachbarinneninwien
Zitate aus der Podcast-Folge
Brücken bauen statt Barrieren schaffen
„Wir haben jemanden gebraucht, der uns zu Frauen die Brücke bildet.“
„Was klein geht, geht auch groß.“
„Nach einer Sozialraumanalyse haben wir definiert, wer am ehesten die Menschen sind, die nach Österreich kommen und am ehesten in Gefahr sind, in die Isolation abzurutschen.“
„Ich freue mich sehr, dass ich meine Muttersprache in meiner Arbeit nutzen und Menschen helfen kann.“
„Unser Ansatz ist: Ich begleite dich eine Zeit und zeige dir, wie du selber in dieser Stadt zurechtkommst.“
Hilfe zur Selbsthilfe
„Wenn ich eine Familie kennenlerne, schaue ich zuerst, was sie brauchen. Ich stelle mir vor, es ist meine Familie.“
„Unser erstes Ziel ist nicht die Spaltung. Unser erstes Ziel ist, dass die Familie zusammenbleibt und gemeinsam das Leben meistert.“
„Das Werkzeug der Familienkonferenz hätte ich mir, als ich Kinder bekommen habe, gewünscht.“
„Wir wenden Werkzeuge an, die auch hier Familien brauchen würden.“
„Wir haben viele Angebote, aber nicht jedes ist für jede Familie interessant.“
„Der Prozess des Alleinlassens ist während der gesamten Begleitung.“
„Beim Perspektivengespräch fragen wir: Was hast du vorher nicht können und was kannst du jetzt?“
„Die Frauen sind stolz, dass sie es alleine können.“
„Wir sagen den Frauen von Anfang an, dass wir nicht ein Leben lang bleiben.“
„Vor dem Abschluss der Begleitung sind wir sicher, dass die Frauen es alleine schaffen werden.“
Integration gelingt nur gemeinsam
„Der Weg der Integration ist eine zweiseitige Geschichte.“
„Die Nachbarinnen vertreten immer das österreichische System, aber muttersprachlich und aus derselben Kultur kommend.“
„Jeder hat Vorurteile. Und deswegen reden wir miteinander, um einander zu verstehen.“
„Wir hören oft in den Medien, dass die ausländischen Familien viel Geld kosten, aber man sieht nicht, dass die Familien wirklich kämpfen, hier zu leben, alles zu lernen und alles für die Kinder zu machen.“
„Es gibt Familien, die Angst hatten, im Park zu spielen oder die NachbarInnen zu begrüßen.“
Menschlichkeit statt Vorurteile
„Die Menschen sind deutlich besser, als uns in den Medien klargemacht wird.“
„Ganz pragmatisch gesehen: Was kann uns Besseres passieren? Wir tun nichts anderes, als die Kinder, die kommen, auszubilden.“
„Jeder jammert ständig über den Facharbeitermangel und Lehrkräftemangel – wir bräuchten nur ein bisschen helfen.“
„Eine Sache muss ich schon vielen Menschen erklären: die Grundzwiderheit der Österreicher.“
„Wir haben einen Grundrassismus erlebt – in einem Ort, der nur vom Tourismus lebt.“
Demokratie und Zusammenhalt
„Demokratie ist nicht einfach. Demokratie ist etwas sehr Vielschichtiges und Kompliziertes.“
„Die wahre Basis der Integration wird abgelehnt. Es ist einfacher zu sagen: Geh, schleicht’s euch.“

