Wir haben im Podcast schon mit einigen Jurist:innen darüber gesprochen, wie Recht haben und Recht bekommen in der Praxis aussehen können und was dazwischen verloren geht. Heute wollen wir uns einem Ansatz widmen, der Konflikte ganz anders denkt: dem Collaborative Law.
Collaborative Law ist eine Form der Konfliktlösung, die nicht auf Konfrontation, sondern auf Zusammenarbeit basiert. Die Konfliktparteien sitzen gemeinsam mit ihren Anwält:innen an einem Tisch. Es gibt keine dritte Instanz, die entscheidet, wer gewinnt und wer verliert. Stattdessen wird gemeinsam an einer Lösung gearbeitet, die für alle Beteiligten tragbar ist. Denn ein Gerichtsurteil mag den Konflikt juristisch beenden, doch oft verschärft es die menschliche Distanz. Collaborative Law versucht genau das zu vermeiden und Beziehungen nicht zu zerstören, sondern zu erhalten.
Damit dieses Verfahren funktioniert, braucht es Offenheit, Dialogbereitschaft und den gemeinsamen Willen, Verantwortung für die Lösung zu übernehmen. Gelingt das, entsteht nicht nur eine Einigung, sondern auch eine stabile Grundlage für den weiteren Umgang miteinander.
Wir haben mit Matthias darüber gesprochen, warum er sich auf Collaborative Law spezialisiert hat, wie solche Verfahren konkret ablaufen, in welchen Bereichen sie besonders sinnvoll sind und worin sich seine Rolle als Anwalt dabei von klassischen Verfahren unterscheidet.
Außerdem haben wir gemeinsam überlegt, was es für unsere Streitkultur bedeuten würde, wenn weniger Konflikte vor Gericht und mehr Konflikte im Gespräch gelöst würden.
Wer ist Matthias Klissenbauer?
Matthias Klissenbauer ist Rechtsanwalt und beschäftigt sich intensiv mit alternativen Formen der Konfliktlösung. Auf Collaborative Law wurde er durch eine Recherche aufmerksam und entschied sich anschließend für eine entsprechende Ausbildung. Heute sieht er diesen Ansatz als eine wichtige Ergänzung zu klassischen juristischen Verfahren.
Die Ausbildung hat nicht nur seinen beruflichen Blick erweitert, sondern auch seinen Zugang zu Konflikten verändert. Statt Konflikte ausschließlich als rechtliche Auseinandersetzungen zu betrachten, beschäftigt er sich verstärkt mit den Interessen, Bedürfnissen und Dynamiken der beteiligten Personen.
Was ist Collaborative Law?
Collaborative Law ist eine Form der außergerichtlichen Konfliktlösung. Anders als bei einem Gerichtsverfahren gibt es keine Richterin und keinen Richter, die am Ende eine Entscheidung treffen. Stattdessen arbeiten die Konfliktparteien gemeinsam mit ihren jeweiligen Anwält:innen an einer Lösung.
Das Ziel ist nicht, einen Konflikt zu gewinnen, sondern eine Vereinbarung zu finden, die für alle Beteiligten tragfähig ist. Im Mittelpunkt stehen dabei die Interessen der Parteien und nicht ausschließlich ihre rechtlichen Positionen.
Ein wesentlicher Unterschied zu klassischen Verfahren besteht darin, dass die Anwält:innen zwar weiterhin die Interessen ihrer Mandant:innen vertreten, gleichzeitig aber auch die Gesamtsituation im Blick behalten. Der Fokus liegt auf Zusammenarbeit statt Konfrontation.
Worin unterscheidet sich Collaborative Law von einer Mediation?
Auf den ersten Blick gibt es Ähnlichkeiten zwischen Collaborative Law und Mediation. Beide Verfahren verfolgen das Ziel, Konflikte außerhalb eines Gerichts zu lösen. Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede.
Mediator:innen sind zur Neutralität verpflichtet und vertreten keine der beteiligten Parteien. Im Collaborative Law hingegen hat jede Partei ihre eigene anwaltliche Vertretung. Dadurch können rechtliche Fragen unmittelbar berücksichtigt werden, ohne dass die gemeinsame Lösungsfindung aus dem Blick gerät.
Während sich klassische Gerichtsverfahren häufig auf Rechtspositionen konzentrieren, bietet Collaborative Law Raum, auch persönliche und emotionale Aspekte eines Konflikts einzubeziehen.
Welche Rolle spielen Kommunikation und Emotionen?
Im Gespräch wurde deutlich, dass Konflikte selten ausschließlich juristische Fragen betreffen. Häufig spielen Kommunikation, Missverständnisse, Erwartungen und Emotionen eine zentrale Rolle.
Gerade diese Aspekte kommen in juristischen Ausbildungen oft zu kurz. In der Praxis zeigen sie sich jedoch regelmäßig als entscheidende Faktoren für die Entwicklung und Lösung von Konflikten.
Deshalb beschäftigt sich Collaborative Law nicht nur mit rechtlichen Fragen, sondern auch mit den menschlichen Ebenen eines Konflikts. Bei Bedarf können zusätzlich Expert:innen aus dem psychosozialen Bereich eingebunden werden, um die Beteiligten zu unterstützen.
Emotionen werden dabei nicht als Störung betrachtet, sondern oft als Hinweis darauf, wo die eigentlichen Herausforderungen eines Konflikts liegen.
Für welche Konflikte eignet sich Collaborative Law?
Seinen Ursprung hat Collaborative Law im Familienrecht und wurde ursprünglich vor allem für Scheidungen entwickelt. Dort zeigt sich besonders deutlich, dass Menschen auch nach einem Konflikt oft weiterhin miteinander verbunden bleiben.
Heute wird der Ansatz auch in vielen anderen Bereichen eingesetzt. Dazu gehören unter anderem Erbschaftsstreitigkeiten, Nachbarschaftskonflikte oder Auseinandersetzungen zwischen Geschäftspartner:innen.
Besonders sinnvoll erscheint Collaborative Law überall dort, wo Beziehungen auch nach der Konfliktlösung bestehen bleiben sollen. Denn nicht jeder juristische Sieg führt automatisch zu einer langfristig guten Lösung für die beteiligten Menschen.
Was bedeutet das für unsere Streitkultur?
Im Laufe des Gesprächs wurde deutlich, dass Konflikte nicht zwangsläufig etwas Negatives sein müssen. Sie können auch eine Möglichkeit sein, unterschiedliche Bedürfnisse sichtbar zu machen und Veränderungen anzustoßen.
Dafür braucht es allerdings die Bereitschaft, schwierige Themen anzusprechen und sich mit den eigenen Positionen ebenso auseinanderzusetzen wie mit jenen des Gegenübers.
Collaborative Law bietet dafür einen strukturierten Rahmen. Es ersetzt nicht jedes Gerichtsverfahren und ist nicht für jede Situation geeignet. Es zeigt aber, dass es neben dem klassischen Rechtsweg weitere Möglichkeiten gibt, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten und nachhaltige Lösungen zu finden.
Hier kannst du diese Podcastfolge zBsp anhören:
https://mitmilchundzucker.podigee.io/305-matthias-klissenbauer
Die aktuellen Podcastfolgen von mit Milch und Zucker findest du hier.
Zitate aus der Folge:
Über Collaborative Law
Collaborative Law hat mir nochmal einen ganz anderen Fokus gegeben.
Collaborative Law hat mir gezeigt, auf wie viele Arten man Rechtsanwalt sein kann und auf wie viele Arten man in Konflikten agieren kann, ohne auf destruktive Muster zu verfallen.
Im Collaborative Law Verfahren sieht man den gegnerischen Anwalt nicht als Gegenspieler, sondern als Teampartner, der gemeinsam dieselben Zielsetzungen hat, nämlich für die Gesamtsituation eine möglichst optimale Lösung zu finden.
Das Collaborative Law Verfahren ist eigentlich vor allem überall dort besonders naheliegend, wo es um die Erhaltung, um die Aufrechterhaltung von Beziehungen geht.
Über die Rolle von Anwält:innen
Der Rechtsanwalt ist eigentlich von der Berufsausbildung her eher darauf trainiert, eine der beiden Parteien gegen die jeweils andere zu vertreten.
Im Collaborative Law Verfahren ist es so, dass jede Partei ihren eigenen Anwalt hat.
Wenn ich als Anwalt im Collaborative Law Verfahren vertrete, dann darf ich nachher im streitigen Verfahren dieselben Mandanten in dieser Sache nicht vertreten.
Man bleibt natürlich trotzdem Rechtsanwalt, ich kann nicht beanspruchen oder mir anmaßen, den Klienten psychologisch zu betreuen.
Über Konflikte und Kommunikation
Die emotionalen Phasen und dort, wo der Konflikt aufbricht, sind immer ein Fingerzeig dafür, wo eigentlich die Probleme liegen.
Die schwierigsten Fälle oder die, die auch unbefriedigend zu lösen sind, sind eigentlich die, wo die Parteien die heißen Themen nicht ansprechen können oder wollen.
Zu einer Lösung kommt man eigentlich oft erst dann, durch und mit dem Streit.
Ein guter Konflikt ist der, aus dem man etwas mitnimmt und aus dem man etwas lernen kann.
Über Emotionen
Wenn man sich über Monate oder sogar Jahre damit beschäftigen muss, was der andere falsch gemacht hat, ist es unvermeidlich, dass man sich selber in diesen Emotionen bestärkt.
In einer sehr eskalierten Situation sind die Parteien natürlich für Humor wenig zugänglich.
Die Stresssituation verhindert, dass das Gehirn die Informationen auf eine sachliche Art und Weise verarbeiten kann.
Worauf man schon aufpassen muss, ist, dass man in einer emotionalen Situation nicht beleidigend wird.
Über die Zukunft
Ich habe durch die Beschäftigung mit diesen Themen extrem viel gelernt, was mein Leben beruflich, aber auch privat sehr bereichert hat, dafür bin ich sehr dankbar.
Ich glaube, dass sowohl Mediation als auch das Collaborative Law Verfahren eine friedensstiftende Wirkung hat, im wahrsten Sinne des Wortes.
Man muss kein Idealist sein und den allgemeinen Frieden wollen, wenn man für den eigenen Konflikt einen konstruktiven Zugang findet.
Es kann zwar manchmal schwierig erscheinen, aber es gibt immer Wege und Mittel und es gibt immer Leute, die einem helfen können.
Copyright für das Foto: Stefan Knittel

