Ergotherapie ist viel umfassender, als viele Menschen zunächst vermuten. Als wir Flora kennengelernt haben, war deshalb auch unsere erste Frage: Was genau machen ErgotherapeutInnen eigentlich?
Je mehr man sich mit diesem Beruf beschäftigt, desto deutlicher wird seine große Bedeutung für unsere Gesellschaft. ErgotherapeutInnen unterstützen Menschen nach einem Schlaganfall, bei Entwicklungsstörungen, psychischen oder körperlichen Einschränkungen und bei Problemen mit der Feinmotorik. Gleichzeitig beschäftigen sie sich mit ganz praktischen Fragen: Wie kann jemand wieder selbstständig kochen? Wie lässt sich ein Arbeitsplatz ergonomischer gestalten? Und sitzen wir eigentlich richtig?
In dieser Folge sprechen wir mit Flora Steinreiter – Sperat über ihren Weg in die Ergotherapie, ihren persönlichen Behandlungsansatz und darüber, wie man passende ErgotherapeutInnen findet. Außerdem räumen wir mit dem Vorurteil auf, ErgotherapeutInnen seien bloß „Basteltanten“ – und fragen Flora natürlich auch, ob sie uns während des Gesprächs am liebsten sofort eine bessere Sitzhaltung empfohlen hätte.
Was Ergotherapie wirklich bedeutet
Ergotherapie hilft Menschen dabei, ihren Alltag möglichst selbstständig bewältigen zu können. Dabei geht es nicht nur um einzelne körperliche Bewegungen, sondern um konkrete Handlungen und persönliche Ziele.
Ein anschauliches Beispiel liefert Flora im Gespräch selbst: Während PhysiotherapeutInnen Menschen dabei unterstützen können, wieder zu gehen, beschäftigen sich ErgotherapeutInnen damit, ob die betroffene Person sich dabei auch selbstständig anziehen kann.
Der Alltag steht also im Mittelpunkt. Das kann bedeuten, nach einem Schlaganfall wieder eine Hose anzuziehen, Essen zuzubereiten, einen Stift zu halten oder bestimmte Bewegungsabläufe neu zu erlernen.
Über Flora Steinreiter – Sperat
Flora ist Ergotherapeutin und Kassentherapeutin für alle Kassen. In ihrer Arbeit unterstützt sie Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen dabei, ihren Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen.
Ihr Ansatz stellt die persönlichen Ziele der PatientInnen in den Mittelpunkt. Dabei verbindet sie fachliches Wissen mit Empathie, Motivation und Humor. Auf ihrem Instagram-Kanal @ergo.flora gibt sie Einblicke in die Ergotherapie und erklärt, wie vielseitig dieser Beruf ist.
Floras Weg zur Ergotherapeutin
Flora wollte ursprünglich Physiotherapeutin werden. Über Umwege führte ihr beruflicher Weg zunächst zur Heilmassage und schließlich zur Ergotherapie.
Heute arbeitet sie selbstständig als Ergotherapeutin und ist Kassentherapeutin für alle Kassen. Im Podcast erzählt sie, welche Herausforderungen mit der Selbstständigkeit verbunden sind und weshalb eine eigene Praxis nicht von heute auf morgen entsteht.
Dabei wird schnell deutlich, dass Ergotherapie nicht nur Fachwissen verlangt. Ebenso wichtig sind Geduld, Einfühlungsvermögen, Motivation und die Fähigkeit, Menschen auch in schwierigen Situationen zu begleiten.
Ergotherapie orientiert sich an persönlichen Zielen
Ein zentraler Grundsatz von Floras Arbeit ist, dass PatientInnen selbst bestimmen, woran sie arbeiten möchten.
Möchte jemand wieder kochen können, wird genau dieses Ziel zum Ausgangspunkt der Therapie. Es wäre wenig sinnvoll, stattdessen Fähigkeiten zu trainieren, die für die betroffene Person keine Bedeutung haben.
Deshalb stehen PatientInnen in der Ergotherapie im Mittelpunkt. Therapie ist keine einseitige Behandlung, sondern eine Zusammenarbeit. Flora versteht sich dabei nicht als jemand, der alles vorgibt, sondern als Begleitung auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit.
Feinmotorik, Sitzen und andere Herausforderungen
Zur Ergotherapie gehören sehr unterschiedliche Aufgabenbereiche. Dazu zählen unter anderem Störungen der Feinmotorik, Probleme bei alltäglichen Bewegungsabläufen und die ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen.
Auch richtiges Sitzen kann eine Rolle spielen. Allerdings erzählt Flora mit einem Augenzwinkern, dass sie in ihrem privaten Umfeld nicht ständig kontrolliert, ob alle Menschen ergonomisch sitzen oder den perfekten Schreibtisch verwenden.
Viel wichtiger ist es, Beschwerden frühzeitig zu erkennen und passende Lösungen für die jeweilige Lebenssituation zu finden. Denn Ergotherapie beginnt nicht erst dann, wenn Einschränkungen bereits sehr groß geworden sind.
Warum Gespräche Teil der Therapie sind
Ergotherapie besteht nicht ausschließlich aus körperlichen Übungen oder praktischen Aufgaben. Manchmal ist ein Gespräch für PatientInnen ebenso wichtig wie eine physische Behandlung.
Menschen, die mit Einschränkungen, Schmerzen oder einem Verlust von Selbstständigkeit umgehen müssen, brauchen häufig nicht nur fachliche Unterstützung. Sie benötigen auch jemanden, der zuhört, motiviert und ihre Situation ernst nimmt.
Flora beschreibt sich selbst als optimistisch, empathisch und motivierend. Gleichzeitig kann sie streng sein, wenn es für den Therapieerfolg notwendig ist. Diese Mischung hilft ihr dabei, gemeinsam mit ihren PatientInnen realistische Ziele zu verfolgen.
Humor und Mitgefühl in der Ergotherapie
Flora hat ein klares Ziel: In jeder Therapieeinheit sollte zumindest einmal gelacht werden.
Humor kann dabei helfen, schwierige Situationen leichter zu bewältigen. Wer während der Therapie ausschließlich auf Probleme und Einschränkungen schaut, verliert möglicherweise schneller die Motivation. Ein gemeinsames Lachen kann dagegen Vertrauen schaffen und den Heilungsverlauf positiv begleiten.
Gleichzeitig spricht Flora offen darüber, dass ihr Beruf emotional sein kann. Als sehr mitfühlender Mensch hat sie auch schon gemeinsam mit PatientInnen geweint. Für sie gehören Nähe, Empathie und Menschlichkeit zur therapeutischen Arbeit dazu.
Gesundheitsförderung und Prävention ausbauen
Ein wichtiges Thema der Folge ist die Prävention. Flora ist überzeugt, dass deutlich mehr in Gesundheitsförderung investiert werden müsste.
Viele Beschwerden könnten früher erkannt oder sogar verhindert werden, wenn Menschen rechtzeitig Unterstützung bekämen. Ergotherapie könnte dabei eine wichtige Rolle spielen, etwa bei ergonomischen Arbeitsplätzen, in Schulen, in Betreuungseinrichtungen oder bei der Begleitung älterer Menschen.
Auch digitale Angebote könnten stärker mit Gesundheitsprävention und Ergotherapie verknüpft werden. Derzeit fehlen jedoch häufig Strukturen, in denen therapeutisches Wissen, digitale Mittel und Prävention sinnvoll zusammengeführt werden.
Digitalisierung im Gesundheitsbereich
Im Podcast sprechen wir auch über den Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen.
Flora erzählt, dass bei einem ihrer früheren Arbeitgeber noch mit Blaupapier kopiert wurde. Dieses Beispiel zeigt, wie groß der Nachholbedarf in manchen Bereichen weiterhin ist.
Digitale Systeme könnten Dokumentation, Kommunikation und Zusammenarbeit erleichtern. Gleichzeitig müssen sie so gestaltet sein, dass sie TherapeutInnen tatsächlich unterstützen und nicht zusätzliche Arbeit verursachen.
Gerade in der Ergotherapie könnten digitale Anwendungen dabei helfen, Übungen zu begleiten, Fortschritte zu dokumentieren oder präventive Angebote leichter zugänglich zu machen.
Ergotherapie mit Kindern
Die Arbeit mit Kindern stellt besondere Anforderungen an TherapeutInnen. Flora betont, wie viel Respekt sie vor allen Menschen hat, die beruflich mit Kindern arbeiten – unabhängig davon, ob es sich um LehrerInnen, PädagogInnen oder TherapeutInnen handelt.
Wer als ErgotherapeutIn mit Kindern arbeiten möchte, benötigt außerdem eine entsprechend ausgestattete Praxis. Spielmaterialien, Bewegungsgeräte und kindgerechte Therapieräume verursachen hohe Kosten.
Gleichzeitig ist die Arbeit mit Kindern besonders wichtig, etwa bei Entwicklungsverzögerungen, Schwierigkeiten mit der Feinmotorik oder Problemen im schulischen Alltag.
Wie findet man passende ErgotherapeutInnen?
Die passende Therapie hängt stark von den individuellen Bedürfnissen ab. Nicht jede Ergotherapeutin und nicht jeder Ergotherapeut arbeitet mit allen Altersgruppen oder Krankheitsbildern.
Deshalb ist es sinnvoll, bereits vor dem ersten Termin zu klären, welche Schwerpunkte die Praxis hat. Auch ein persönliches Erstgespräch kann zeigen, ob die Zusammenarbeit passt.
Wichtig ist, dass PatientInnen sich ernst genommen fühlen und ihre persönlichen Ziele im Mittelpunkt stehen. Denn eine erfolgreiche Therapie entsteht immer gemeinsam.
Mehr Infos über Ergotherapie und Flora findest Du auf ihrem Instagram Kanal: @ergo.flora
Alle weiteren Podcastfolgen von mit Milch und Zucker findest du hier.
Zitate aus dieser Podcastfolge
Floras Weg in die Ergotherapie
(05:14) „Durch Umwege bin ich bei der Heilmassage gelandet, weil ich eigentlich immer Physiotherapeutin werden wollte.“
(14:21) „Sich als Ergotherapeutin selbständig zu machen ist ein Weg, den man geht.“
(14:29) „Ich bin Kassentherapeutin für alle Kassen.“
Was ErgotherapeutInnen machen
(06:55) „Wir Ergotherapeuten unterstützen Menschen mit psychischen oder physischen Einschränkungen, damit sie ihren Alltag wieder selbständig bewältigen können.“
(07:52) „PhysiotherapeutInnen schauen, dass Leute wieder gehen können, und Ergotherapeuten schauen, dass sie dabei eine Hose anhaben.“
(09:29) „Manchmal ist mit den PatientInnen reden mehr, als sie physisch zu behandeln.“
PatientInnen im Mittelpunkt
(21:19) „Wenn jemand sagt, er will wieder kochen lernen, werde ich nicht versuchen, ihm Fahrradfahren beizubringen.“
(21:38) „Patient und Patientinnen stehen immer im Mittelpunkt.“
(23:09) „Es ist wirklich eine Zusammenarbeit von mir mit den Patientinnen und Patienten und umgekehrt.“
(23:14) „Ich sag immer: Ich bin eine Begleitung.“
Motivation, Humor und Mitgefühl
(18:48) „Ich bin ein sehr optimistischer Mensch und versuche, das Gute zu sehen und anderen Leuten zu vermitteln.“
(19:08) „Ich kann auch streng sein, aber auch Leute gut motivieren.“
(31:52) „Ich hab das Ziel: In der Therapie muss man einmal lachen.“
(32:33) „Humor ist superwichtig in der Therapie, weil wenn man nur das Schlechte sieht, ist es für den Heilungsverlauf nicht optimal.“
(35:09) „Ich bin ein Mensch, der sehr mitfühlt, und es ist auch schon passiert, dass ich mit Patientinnen und Patienten mitgeweint habe.“
Prävention und Digitalisierung
(26:34) „Man muss in der Prävention viel mehr in der Gesundheitsförderung machen.“
(27:52) „Ich achte im privaten Umfeld nicht die ganze Zeit darauf, ob alle richtig sitzen und den richtigen Schreibtisch haben.“
(40:31) „Es gibt einfach in diesen Stellen noch nicht die Gesundheitsprävention, die Ergotherapie und digitale Mittel vernetzt.“
(40:49) „Bei meinem ersten Arbeitgeber haben wir mit Blaupapier kopiert. Dort sind wir bei der Digitalisierung im Gesundheitsbereich.“
Ergotherapie mit Kindern
(41:31) „Jede Person, die mit Kindern arbeitet, ob Lehrer oder Therapeut, hat meinen größten Respekt.“
(41:48) „Wenn man als Ergotherapeutin mit Kindern arbeiten will, muss man wahnsinnig viel Geld in die Ausstattung einer kindgerechten Praxis stecken.“
Floras wichtigste Botschaft
(42:25) „Schauts auf euch, das ist das Wichtigste.“

