Martin Wurzenrainer – Integrationshaus

Martin Wurzenrainer - Integrationshaus

Seit über 30 Jahren zeigt das Wiener Integrationshaus, wie Integration gelingen kann. Es unterstützt geflüchtete Menschen dabei, in Österreich anzukommen, Sicherheit zu finden und sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Doch während in der Politik häufig über gescheiterte Integration, Pflichten und Sanktionen diskutiert wird, zeigt die tägliche Arbeit des Integrationshauses, worauf es wirklich ankommt: Unterstützung, Perspektiven und persönliche Begegnungen.

In dieser Folge des Podcasts mit Milch und Zucker sprechen wir mit Martin Wurzenrainer, dem Geschäftsführer des Wiener Integrationshauses, über Flucht, Menschlichkeit, politische Versäumnisse und die Frage, was wir alle zu einem guten Zusammenleben beitragen können.

Das Integrationshaus: Ein Ort des Ankommens

Seit 1995 unterstützt das Wiener Integrationshaus geflüchtete Menschen, Asylsuchende und MigrantInnen dabei, in Österreich Fuß zu fassen.

Was damals mit der Idee begann, zu zeigen, wie eine menschenwürdige Betreuung geflüchteter Menschen aussehen kann, ist heute eine Einrichtung mit vielfältigen Angeboten. Dazu gehören Wohnmöglichkeiten, psychosoziale Betreuung, Rechtsberatung, Deutschkurse, Bildungsangebote und Unterstützung beim Einstieg in Ausbildung und Beruf.

Dabei geht es nicht nur darum, Menschen kurzfristig zu helfen. Vielmehr sollen sie die Möglichkeit bekommen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Martin Wurzenrainer beschreibt diesen Ansatz so:

„Wir wollen Menschen nicht entmündigen, sondern sie wirklich versuchen dabei zu unterstützen, die Dinge selbst erledigen zu können, selbst zu formulieren, was sie brauchen.“

Das Integrationshaus orientiert sich deshalb an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen. Denn wer gerade geflüchtet ist, traumatische Erfahrungen gemacht hat oder sich in einem fremden Land zurechtfinden muss, braucht vor allem Sicherheit, Unterstützung und Perspektiven.

Warum wir anders über Integration sprechen müssen

Kaum ein gesellschaftspolitischer Begriff wird in Österreich so häufig verwendet wie Integration. Besonders in politischen Debatten geht es dabei oft um Pflichten, fehlende Anpassung und mögliche Sanktionen.

Doch Martin Wurzenrainer kritisiert, dass dabei etwas Entscheidendes verloren gegangen ist: die Frage, wie Integration überhaupt gelingen kann.

„Die Politik hat den Begriff Integration weggenommen und sehr negativ konnotiert.“

Statt über erfolgreiche Beispiele, notwendige Unterstützung und gesellschaftliche Verantwortung zu sprechen, konzentriert sich die öffentliche Diskussion häufig auf vermeintliche Defizite.

Dabei beginnt Integration nicht erst mit einem Deutschkurs oder einem Arbeitsplatz. Menschen brauchen zunächst eine sichere Lebensgrundlage, Zugang zu Bildung und das Gefühl, willkommen zu sein.

„Wenn ich keine Existenzsicherung habe, kann ich nicht einmal den Gedanken hegen, mich integrieren zu wollen, weil ich eine Gesellschaft wahrnehme, die mich nicht will.“

Besonders schwierig ist derzeit die Suche nach leistbarem Wohnraum. Für Menschen, die sich nach ihrer Flucht ein neues Leben aufbauen möchten, wird diese Herausforderung schnell zu einem kaum überwindbaren Hindernis.

Integration beginnt mit Begegnung

Eine der wichtigsten Botschaften unseres Gesprächs ist erstaunlich einfach:

„Integration beginnt mit der Begegnung.“

Denn Integration ist keine Aufgabe, die ausschließlich Menschen erfüllen müssen, die neu nach Österreich kommen. Sie betrifft uns alle.

Wer einander nicht kennt, begegnet sich häufig mit Unsicherheit, Vorurteilen oder Misstrauen. Doch persönliche Begegnungen können genau das verändern.

Martin bringt es auf den Punkt:

„Mir sind so lange Menschen fremd, bis ich sie kenne, dann sind sie mir nicht mehr fremd.“

Im Integrationshaus spielen deshalb auch freiwillige MitarbeiterInnen eine wichtige Rolle. Sie schenken ihre Zeit, begleiten Menschen im Alltag und ermöglichen Begegnungen, die über professionelle Beratungs- und Betreuungsangebote hinausgehen.

Ob beim gemeinsamen Lernen, bei Gesprächen oder bei alltäglichen Unternehmungen: Aus solchen Begegnungen können Vertrauen, Freundschaften und neue Perspektiven entstehen.

Und vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Schlüssel für unser Zusammenleben.

Wenn politische Forderungen an der Realität vorbeigehen

Im Gespräch wird auch deutlich, wie groß die Kluft zwischen politischen Forderungen und den tatsächlichen Möglichkeiten für geflüchtete Menschen sein kann.

Während öffentlich über verpflichtende Integrationsmaßnahmen und Sanktionen diskutiert wird, fehlen vielerorts die entsprechenden Angebote.

Martin kritisiert diese Widersprüche deutlich:

„Die Integrationsministerin überlegt sich Sanktionen, wenn Leute ein Angebot nicht wahrnehmen, das es halt blöderweise gar nicht gibt.“

Viele wichtige Bildungs- und Beratungsangebote werden von gemeinnützigen Organisationen bereitgestellt und sind auf Spenden angewiesen.

Dabei wäre es gerade im Interesse der gesamten Gesellschaft, Menschen möglichst früh Zugang zu Deutschkursen, Ausbildung und Unterstützung zu ermöglichen.

Für Martin ist deshalb klar: Bevor über Sanktionen gesprochen wird, müssen überhaupt ausreichend Angebote vorhanden sein.

Auch die zunehmend fremdenfeindliche politische Stimmung hinterlässt Spuren bei jenen, die täglich mit geflüchteten Menschen arbeiten.

„Die Integrationspolitik und diese Fremdenfeindlichkeit zermürben tagtäglich extrem.“

Trotzdem setzt sich das Team des Integrationshauses weiterhin dafür ein, Menschen eine faire Chance auf ein selbstbestimmtes Leben zu geben.

Menschlichkeit, Professionalität und die kleinen Erfolge

Die Arbeit im Integrationshaus ist anspruchsvoll. Viele Menschen haben Krieg, Gewalt, Verfolgung oder traumatische Erlebnisse hinter sich. Sie benötigen nicht nur praktische Hilfe, sondern oft auch intensive psychosoziale Begleitung.

Über die Jahre hat das Integrationshaus in diesen Bereichen umfangreiche Erfahrung und Fachwissen aufgebaut. Martin ist besonders stolz auf die Kompetenz seiner KollegInnen und darauf, dass diese Expertise auch anderen Betreuungseinrichtungen zugutekommt.

Gleichzeitig braucht soziale Arbeit professionelle Unterstützung, regelmäßige Reflexion und Supervision. Denn wer täglich mit schwierigen Lebenssituationen konfrontiert ist, muss auch auf die eigene Belastbarkeit achten.

Was Martin trotz aller Herausforderungen motiviert, sind die sichtbaren Erfolge seiner Arbeit:

„Diese sichtbaren Ergebnisse der eigenen Arbeit und Menschen einfach unterstützen zu können, ein Stück des Weges begleiten zu können, das ist schon ziemlich lässig.“

Es sind oft die persönlichen Entwicklungen, die zeigen, wie viel gute Unterstützung bewirken kann: wenn Menschen wieder Sicherheit gewinnen, eine Ausbildung beginnen, eine Wohnung finden oder ihr Leben zunehmend selbst gestalten können.

Was wir alle vom Integrationshaus lernen können

Integration wird häufig als politische Aufgabe diskutiert. Doch sie findet vor allem dort statt, wo Menschen einander begegnen: in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Alltag.

Das Integrationshaus zeigt seit über 30 Jahren, wie wichtig es ist, Menschen nicht auf ihre Fluchtgeschichte zu reduzieren, sondern ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse und Möglichkeiten in den Mittelpunkt zu stellen.

Dafür braucht es professionelle Einrichtungen, politische Rahmenbedingungen und ausreichend finanzielle Mittel. Aber auch Menschen, die bereit sind, sich einzubringen.

Das Integrationshaus sucht laufend Freiwillige, die Zeit schenken und Begegnungen ermöglichen. Auch Spenden helfen dabei, wichtige Beratungs-, Betreuungs- und Bildungsangebote aufrechtzuerhalten.

Martin wünscht sich für die Zukunft vor allem eines:

„Wenn ich mir etwas für die Zukunft wünschen würde, wäre es, dass Menschen legale Möglichkeiten bekommen, vor Bedrohungen zu flüchten und in Sicherheit aufgenommen zu werden.“

Unser Gespräch mit Martin Wurzenrainer zeigt, wie viel wir aus der jahrzehntelangen Erfahrung des Integrationshauses lernen können. Und dass Integration keine Einbahnstraße ist, sondern eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe.

Denn ein gutes Zusammenleben beginnt nicht mit Forderungen und Sanktionen, sondern damit, dass wir einander begegnen, zuhören und Menschen die Chance geben, anzukommen.

Wie das in der Praxis funktioniert, was die Politik vom Integrationshaus lernen könnte und warum sich Engagement lohnt, darüber sprechen wir mit Martin Wurzenrainer in der neuen Folge unseres Podcasts mit Milch und Zucker.

Jetzt reinhören – überall, wo es Podcasts gibt.

Mehr über die Arbeit des Wiener Integrationshauses und die Möglichkeiten, es zu unterstützen, findet ihr unter www.integrationshaus.at.

Mehr über das Integrationshaus und wie ihr helfen könnt

Ihr möchtet mehr über die Arbeit des Wiener Integrationshauses erfahren oder selbst aktiv werden? Es gibt viele Möglichkeiten, die wichtige Arbeit der Einrichtung zu unterstützen.

Auf der Website des Wiener Integrationshauses findet ihr Informationen über die verschiedenen Projekte und Angebote.

So könnt ihr das Integrationshaus unterstützen:

  • Spenden: Mit einer Spende könnt ihr die Beratungs-, Betreuungs- und Bildungsangebote unterstützen.
  • Freiwillige Mitarbeit: Ihr möchtet Zeit schenken und Menschen beim Ankommen begleiten? Alles über die Möglichkeiten zur freiwilligen Mitarbeit erfahrt ihr hier.
  • Einkaufen und Gutes tun: Im Webshop des Integrationshauses findet ihr unter anderem Socken, Hauben und Starterpakete. Dort gibt es auch das Buch zum 30-jährigen Jubiläum, „Flüchten – Ankommen – Bleiben“.
  • Flüchtlingsball: Der bekannte Wiener Flüchtlingsball findet am 17. April 2027 im Wiener Rathaus statt. Karten gibt es im Vorverkauf über oeticket, Wien Ticket und in Filialen der Bank Austria.

Mehr von mit Milch und Zucker

Alle unsere Podcastfolgen und weitere Informationen findet ihr auf www.mitmilchundzucker.at.

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Brenda findet ihr auf Instagram unter @brendaannerl und Christiane unter @diekoernerinschreibt.


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