Vedran Džihić – Weinen vor Plastikblumen

Vedran Džihić - Weinen vor Plastikblumen

Vedran Džihić über Tränen, Heimat und die Hoffnung auf ein anderes Bosnien

Was haben ein Fußballspiel im ehemaligen Jugoslawien, die Küche einer Großmutter in Bosnien und die Frage, ob Männer weinen dürfen, miteinander zu tun? Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. In seinem neuen Buch „Weinen vor Plastikblumen“ verbindet der Politikwissenschaftler und Autor Vedran Džihić persönliche Erinnerungen an seine Kindheit, den Krieg in Bosnien und Herzegowina und seine Flucht nach Österreich mit einer großen gesellschaftlichen Frage: Können uns Tränen und Verletzlichkeit dabei helfen, menschlicher und empathischer miteinander umzugehen?

Zum Auftakt unseres neunten Podcastjahres sprechen wir mit Vedran über seine Erinnerungen an Jugoslawien, über Verlust, Heimat und das Ankommen in einer neuen Gesellschaft. Aber auch über die Lebensfreude der Menschen in Bosnien, über Humor, Fußball und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.

Weinen vor Plastikblumen: Warum Tränen politisch sind

Am 4. Mai 1980 stehen sich Roter Stern Belgrad und Hajduk Split auf dem Fußballfeld gegenüber, als die Nachricht vom Tod des jugoslawischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito bekannt wird. Das Spiel wird unterbrochen. Spieler und Zuschauer weinen. Ein Moment kollektiver Trauer, der sich tief in das Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt hat.

Mit dieser Szene beginnt Vedran Džihić sein neues Buch „Weinen vor Plastikblumen“. Doch es geht um weit mehr als persönliche Erinnerungen oder die Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens.

„Wie bekommt man durch die Tränen, durch die Verletzlichkeit einen anderen Blick auf die Demokratie, auf das Zusammenleben?“, fragt Vedran in unserem Gespräch.

Er beschäftigt sich mit der Frage, warum wir in einer Zeit zunehmender politischer Härte, gesellschaftlicher Spaltung und autoritärer Entwicklungen gerade jene Eigenschaften brauchen, die oft als Schwäche betrachtet werden: Mitgefühl, Offenheit und Verletzlichkeit.

„Tränen berühren uns alle und bewegen uns alle. Dadurch kann das Gemeinsame entstehen und auch Momente, wo man auch zu gesellschaftlichen Veränderungen vielleicht kommen kann durch eben dieses Offenbaren der Verletzlichkeit.“

Von Jugoslawien über den Krieg bis zum Ankommen in Österreich

Nur wenige Jahre nach diesem Fußballspiel beginnt Jugoslawien auseinanderzubrechen. Nationalismus, Krieg und Gewalt zerstören das Zusammenleben von Menschen, die über Generationen hinweg Nachbarn waren.

Vedran Džihić wird 1976 in Prijedor in Bosnien und Herzegowina geboren. Er erlebt den Krieg und flieht Anfang 1993 nach Österreich. Die Erfahrungen von Krieg, Flucht und Verlust begleiten ihn bis heute.

„Ich habe eine lange Zeit gebraucht, um mit meinem Krieg und meinen Verlusten fertig zu werden, und dieser Krieg wird nie verschwinden und wird mich für immer begleiten.“

Wie kann eine Heimat verschwinden? Wie werden aus Nachbarn plötzlich Feinde? Und wie gelingt es Menschen, nach solchen Erfahrungen wieder Vertrauen zu fassen, ein neues Leben aufzubauen und vielleicht sogar eine zweite Heimat zu finden?

Diese Fragen ziehen sich durch Vedrans Bücher und seine wissenschaftliche Arbeit. In seinem Essay „Ankommen“ beschäftigt er sich mit seiner eigenen Fluchtgeschichte und damit, was es bedeutet, in einer neuen Gesellschaft nicht nur anzukommen, sondern auch dazuzugehören.

Die Küche der Großmutter, Kaffee und die Erinnerungen an die Kindheit

Bei all den großen politischen und gesellschaftlichen Fragen sind es oft die kleinen Erinnerungen, die besonders berühren.

In unserem Gespräch erzählt Vedran von seiner Großmutter, ihrer Küche in einem kleinen Ort bei Prijedor und den Ritualen rund um den Kaffee.

„Die Küche meiner Oma in einem kleinen Ort bei Prijedor war jener Ort, an dem ich die meiste Zeit mit meiner Oma verbracht habe, und die Oma ist auch eine wichtige Figur in meinem Buch.“

Kaffee ist dabei weit mehr als ein Getränk. Er steht für gemeinsame Zeit, für Gespräche, für Familie und für jene alltäglichen Momente, die ein Gefühl von Zuhause entstehen lassen.

Es sind Erinnerungen wie diese, die zeigen, dass Heimat nicht nur ein geografischer Ort ist. Heimat besteht auch aus Menschen, Gerüchen, Ritualen und Geschichten, die uns ein Leben lang begleiten.

Warum wir mehr Verletzlichkeit und weniger Härte brauchen

Ein zentrales Thema in „Weinen vor Plastikblumen“ ist die Frage, warum Gefühle und insbesondere Tränen in unserer Gesellschaft so häufig unterdrückt werden.

Vor allem Männer lernen oft schon früh, dass Weinen ein Zeichen von Schwäche sei. Vedran stellt dieses Bild jedoch infrage und plädiert dafür, Gefühle nicht länger zu verstecken. Denn gerade das Zeigen von Emotionen kann Menschen näher zusammenbringen.

„Ich würde mir für meine Heimat und auch für die Männer, die weniger weinen, weil es ihnen durch die Erziehung beigebracht wird, wünschen, dass mehr geweint wird.“

Dabei geht es ihm nicht nur um persönliche Befreiung. Vielmehr hat Verletzlichkeit auch eine gesellschaftliche und politische Dimension.

Gerade in einer Zeit, in der Ängste instrumentalisiert, Menschen gegeneinander ausgespielt und politische Debatten zunehmend von Härte geprägt werden, sieht Vedran in Empathie und Mitmenschlichkeit eine wichtige Gegenkraft. Deshalb ist es für ihn umso wichtiger, Gefühle zuzulassen und Verletzlichkeit nicht als Schwäche, sondern als Stärke zu begreifen.

„Ich will dazu aufrufen, dass man eben gegen die Politik der Härte und der Grausamkeit aufsteht.“

Es ist ein Aufruf, nicht gleichgültig zu bleiben, sondern sich für Demokratie, Freiheit und ein solidarisches Zusammenleben einzusetzen.

Bosnien und Herzegowina: Zwischen schmerzhaften Erinnerungen und unbändiger Lebensfreude

Wer mit Vedran über Bosnien spricht, merkt schnell, dass seine Heimat für ihn weit mehr ist als Krieg, Flucht und die schwierige politische Gegenwart.

Es geht auch um die Menschen, ihre Herzlichkeit, ihren Humor und ihre Fähigkeit, selbst unter schwierigen Umständen die Lebensfreude nicht zu verlieren.

„In Bosnien und Herzegowina werden ständig Witze erzählt.“

Humor ist dabei nicht nur Unterhaltung, sondern auch eine Möglichkeit, mit der eigenen Geschichte und den Herausforderungen des Alltags umzugehen.

„Lachen und Weinen liegen sehr nah beieinander, weil sie beide ansteckend sind.“

Und natürlich sprechen wir auch über die kulinarischen Seiten Bosniens, über Ćevapi, über Erinnerungen und darüber, was Vedran heute besonders an seiner Heimat liebt.

„Ich habe eine unbändige Lebensfreude“, sagt er. Ein Satz, der vielleicht besonders gut beschreibt, wie viel Hoffnung und Zuversicht trotz aller schmerzhaften Erfahrungen in diesem Gespräch steckt.

Wie Fußball ein Land wieder zusammenbringen kann

Am Anfang unseres Gesprächs steht ein Fußballspiel im Jahr 1980, bei dem die Menschen gemeinsam weinen. Jahrzehnte später wird der Fußball erneut zu einem Symbol für Zusammenhalt.

Die bosnische Nationalmannschaft zeigt, wie Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft gemeinsam für ein Land einstehen können.

Viele der jungen Spieler sind selbst im Ausland aufgewachsen, weil ihre Familien durch den Krieg vertrieben wurden. Heute stehen sie gemeinsam auf dem Spielfeld und schaffen etwas, das der Politik oft nicht gelingt: ein Gefühl von Zugehörigkeit und gemeinsamer Freude.

„Es gab wenige öffentliche, große Ereignisse, die das Land Bosnien zusammenschweißen konnten, aber diese junge Fußballnationalmannschaft mit jungen Kickern, die in der ganzen Welt aufgewachsen sind, weil sie und ihre Familien vertrieben wurden, hat so ein Ereignis geschaffen.“

Für Vedran ist diese Begeisterung weit mehr als sportlicher Erfolg. Sie zeigt, welches Potenzial in einem Land steckt, wenn das Gemeinsame wichtiger wird als das Trennende.

Ein Gespräch über Menschlichkeit, Mut und die Hoffnung auf Veränderung

„Weinen vor Plastikblumen“ ist ein sehr persönliches Buch, aber zugleich ein gesellschaftlicher und politischer Appell.

Vedran Džihić erinnert uns daran, dass Demokratie nicht nur von Institutionen, Gesetzen und politischen Entscheidungen lebt, sondern auch davon, wie wir miteinander umgehen. Ob wir einander zuhören, Verletzlichkeit zulassen und bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

„Die politische, gesellschaftliche Botschaft im Buch ist: Dann, wenn man das Herz öffnet und auch die Verletzlichkeit zeigt, dass man anschlussfähiger ist, menschlicher ist, empathischer ist, wenn man will, demokratischer ist.“

Es ist ein Gespräch, das uns nachdenklich gemacht, berührt und immer wieder auch zum Lachen gebracht hat. Und eines, das wir schon lange führen wollten.

Wir hoffen, dass diese Folge nicht nur Lust darauf macht, Vedrans Bücher zu lesen, sondern auch darauf, Bosnien und Herzegowina kennenzulernen. Ein Land voller Geschichte, Widersprüche, beeindruckender Menschen und wunderschöner Orte, das so viel mehr zu erzählen hat als die Geschichten von Krieg und Konflikten.

Hört rein in unsere neue Folge von „Mit Milch und Zucker“ mit Vedran Džihić.

Diese Podcastfolge könnt ihr z.Bsp hier anhören: https://mitmilchundzucker.podigee.io/321-vedran-dzihic

Über unseren Gast: Vedran Džihić

Vedran Džihić wurde 1976 in Prijedor, Bosnien und Herzegowina, geboren. Er ist Politikwissenschaftler, Autor und Senior Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip) sowie Lektor an der Universität Wien.

Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Demokratie, Nationalismus, europäische Integration und politische Entwicklungen in Ost- und Südosteuropa. Er zählt zu den bekannten Balkan-Experten im deutschsprachigen Raum und engagiert sich in zahlreichen politischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Bücher, Links und weitere Informationen

Mehr über unseren Podcast findet ihr auf www.mitmilchundzucker.at und auf Instagram unter @mit.milch.und.zucker.


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