Sexuelle Gesundheit und reproduktive Rechte sind das zentrale Thema dieser Folge von mit Milch und Zucker. Patricia Otuka-Karner von The Rain Workers spricht über Aufklärungsarbeit, Frauenrechte, weibliche Genitalverstümmelung und darüber, wie Wissen über sexuelle Gesundheit in afrikanischen Ländern weitergegeben werden kann.
Sexuelle Gesundheit und reproduktive Rechte in afrikanischen Ländern
Wie kann Aufklärung über sexuelle Gesundheit funktionieren, wenn Themen wie Verhütung, Menstruation, Gewalt oder weibliche Genitalverstümmelung tabuisiert sind? Welche Rolle spielen lokale Partnerorganisationen, wenn Wissen über reproduktive Rechte wirklich bei Mädchen und Frauen ankommen soll? Und warum ist es so wichtig, Männer in diese Arbeit einzubeziehen?
Darüber haben wir in der aktuellen Folge von mit Milch und Zucker mit Patricia Otuka-Karner von The Rain Workers gesprochen.
The Rain Workers arbeiten in mehreren afrikanischen Ländern mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. Ihr Ziel ist es, Mädchen und Frauen zu stärken und Wissen über sexuelle und reproduktive Gesundheit dort zugänglich zu machen, wo es oft fehlt.
Sexuelle Gesundheit durch Aufklärungsarbeit in lokalen Communities
The Rain Workers setzen auf Menschen aus den Communities selbst. Sie werden zu sogenannten Rain Workers ausgebildet und geben ihr Wissen anschließend in lokalen Sprachen weiter.
Dabei geht es um Themen wie Familienplanung, HIV/Aids-Prävention, Gewaltprävention, sexuelle Selbstbestimmung und den Schutz vor weiblicher Genitalverstümmelung.
Im Podcast erzählt Patricia, dass The Rain Workers im vergangenen Jahr mit 14 Partnerorganisationen in sieben afrikanischen Ländern gearbeitet haben. Durch Aufklärungssessions und sogenannte „Tree Meetings“ konnten rund 22.500 Menschen erreicht werden.
Warum sexuelle Gesundheit ein Menschenrecht ist
Sexuelle Gesundheit ist kein Luxus. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Menschen selbstbestimmt über ihren Körper und ihr Leben entscheiden können.
Doch fehlendes Wissen, gesellschaftliche Tabus und ungleiche Machtstrukturen verhindern oft, dass Mädchen und Frauen Zugang zu verlässlichen Informationen bekommen.
Patricia beschreibt im Gespräch, dass Aufklärungsarbeit nicht bedeutet, Menschen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Vielmehr geht es darum, Wissen anzubieten, damit Frauen und Mädchen informierte und selbstbestimmte Entscheidungen treffen können.
Weibliche Genitalverstümmelung und gesellschaftlicher Wandel
Ein besonders sensibles Thema der Arbeit von The Rain Workers ist die weibliche Genitalverstümmelung.
Patricia erzählt von ihrer Zeit in Uganda, wo sie mit Frauen unter einem Mangobaum ins Gespräch kam. Für viele dieser Frauen war die eigene Beschneidung eng mit ihrer Vorstellung von Frausein verbunden.
Diese Erfahrung machte ihr deutlich, wie tief gesellschaftliche Muster verwurzelt sein können und warum Veränderung Zeit braucht.
In einer Projektregion in Kenia sind laut Patricia fast 80 Prozent der Frauen beschnitten. Die Partnerorganisationen vor Ort arbeiten daher mit Menschen, die in der Gemeinschaft gut eingebunden sind und als Sprachrohr wirken können.
Warum Männer in der Aufklärungsarbeit wichtig sind
The Rain Workers beziehen bewusst auch Männer in ihre Arbeit ein.
Patricia erklärt im Podcast, dass Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen nur dann langfristig gestärkt werden kann, wenn auch Männer Teil des Veränderungsprozesses sind.
In einigen Regionen spielen sogenannte Male Champions eine wichtige Rolle. Sie helfen dabei, traditionelle Vorstellungen zu hinterfragen und Wissen in die Gemeinschaft zu tragen.
Auch unerwartete Multiplikatoren können entscheidend sein. In einer Projektregion in Kenia wurden etwa Boda-Boda-Fahrer, also Mopedtaxifahrer, gezielt geschult, weil sie viel unterwegs sind, viele Menschen kennen und in zahlreiche Gespräche eingebunden sind.
Sexuelle Gesundheit trotz gesellschaftlicher Tabus fördern
Über Sexualität, Verhütung oder reproduktive Gesundheit zu sprechen, ist in vielen Regionen schwierig. Manchmal verhindern gesellschaftliche Tabus offene Gespräche. Manchmal gibt es rechtliche Einschränkungen. Und manchmal fehlen schlicht die Worte.
Patricia erzählt, dass in lokalen Sprachen teilweise Begriffe für Sexualorgane fehlen. Deshalb muss Aufklärungsarbeit immer sehr genau an die jeweilige Region angepasst werden.
The Rain Workers arbeiten deshalb mit maßgeschneiderten Zugängen. Wissen wird so heruntergebrochen, dass es verständlich, respektvoll und vor Ort anschlussfähig ist.
Teenage Mums in Nairobi: Unterstützung für junge Mütter
Ein weiteres Thema der Folge ist ein Projekt in Nairobi.
Patricia berichtet von einer Partnerorganisation in einem Gebiet, in dem viele Menschen wenig Perspektiven haben. Dort gibt es viel sexualisierte Gewalt, eine hohe Zahl an Teenage-Schwangerschaften und viele Mädchen, die sehr früh und oft ungewollt Mutter werden.
Das Projekt unterstützt junge Mütter mit psychologischer Betreuung und Berufsausbildung. Gleichzeitig leisten die Rain Workers niederschwellige Aufklärungsarbeit, etwa durch Sketches, in denen erklärt wird, wie Kinder entstehen.
Auch Schulen spielen eine wichtige Rolle. Rain Workers gehen in Schulen und vermitteln dort Wissen, das Lehrpersonen oft nicht haben oder das nicht Teil des Curriculums ist.
Sexuelle Gesundheit durch Wissen und Bildung stärken
Die Arbeit von The Rain Workers zeigt, wie wichtig Wissen für Selbstbestimmung ist.
Patricia betont im Podcast, dass es nicht darum geht, Entscheidungen vorzugeben. Entscheidend ist, dass Mädchen und Frauen Zugang zu Informationen bekommen, die ihnen ermöglichen, selbstbestimmt über ihren Körper, ihre Gesundheit und ihre Zukunft zu entscheiden.
Gerade bei Themen wie Verhütung, Familienplanung, Gewaltprävention oder weiblicher Genitalverstümmelung kann Aufklärung langfristig Leben verändern.
Jetzt die Podcast-Folge anhören
In dieser Episode von mit Milch und Zucker erfährst du:
Wie The Rain Workers arbeiten
Warum sexuelle Gesundheit und reproduktive Rechte Menschenrechte sind
Wie lokale Partnerorganisationen Wissen in Communities weitergeben
Warum Aufklärungsarbeit über tabuisierte Themen Zeit braucht
Welche Rolle weibliche Genitalverstümmelung in einzelnen Projektregionen spielt
Warum Männer und Male Champions in die Arbeit eingebunden werden
Wie Boda-Boda-Fahrer in Kenia zu Multiplikatoren werden
Welche Erfahrungen Patricia Otuka-Karner in Uganda und Nairobi gemacht hat
Warum klare Sprache wichtig ist, um Tabus aufzubrechen
Wie Wissen Frauen und Mädchen zu selbstbestimmten Entscheidungen befähigen kann
Hier kannst du diese Podcastfolge zBsp anhören:
https://mitmilchundzucker.podigee.io/304-the-rain-workers
Hör jetzt rein und erfahre, wie The Rain Workers Wissen über sexuelle Gesundheit und reproduktive Rechte regnen lassen.
Die aktuellen Podcastfolgen von mit Milch und Zucker findest du hier.
Zitate aus der Podcast-Folge
Persönliche Einblicke aus Nairobi
„Die Kaffees in der Pause mit den KollegInnen aus Nairobi waren besonders gut, in einem mehr oder weniger tropischen Garten sitzend.“
„Ich kann Kaffee schwarz sehr gut genießen oder mit richtig viel warmer Milch.“
„Ich habe auch eine witzige „SPÖ wacht früher auf“-Kaffeetasse, die finde ich auch ganz lustig.“
Sexuelle Gesundheit durch lokale Partnerorganisationen
„Wir arbeiten vor allem über lokale Partnerorganisationen.“
„Wir haben im letzten Jahr 14 Partnerorganisationen in 7 afrikanischen Ländern gehabt.“
„Wir bieten Trainings an für Menschen, die z. Bsp. schon in Gesundheitsberufen sind.“
„Wir bilden Rainworkers aus und die geben das Wissen dann in lokalen Sprachen weiter.“
Patricias Weg und Motivation
„Als Kind wollte ich immer Medizin studieren.“
„Bei mir hat sich der Weg immer ein bisschen ergeben.“
„Was mir großen Spaß macht, ist, Themen, für die ich brenne und die mir wichtig sind, so zu präsentieren, dass vielleicht andere es aufgreifen und darüber schreiben oder auch Denkanstöße dadurch kriegen.“
Sexuelle Gesundheit und der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung
„Als ich in Uganda gelebt habe, war ich in einer Region, wo es weibliche Genitalverstümmelung gibt, und mit Frauen unterm Mangobaum zum Reden gekommen, und für sie war ihre eigene Beschneidung so extrem verbunden mit dem Frausein.“
„Mir wurde durch den Dialog mit den Frauen bewusst, dass es wahnsinnig lange Zeit braucht, bis sich Verhalten ändert, wenn das Muster so tief verwurzelt ist.“
„In einer unserer Projektregionen in Kenia sind fast 80 % der Frauen beschnitten.“
Männer, Male Champions und Boda-Boda-Fahrer
„Die drei Partnerorganisationen in Kenia machen Aufklärungssessions, immer mit Menschen, die vor Ort entweder gut eingebunden sind oder vielleicht schon ein Standing haben. Die male champions sind da immer ganz wichtig.“
„Es ist ganz wichtig, die Männer reinzuholen, weil auch die die Annahme haben, sie heiraten eine Frau, die beschnitten ist.“
„Es ist immer wichtig zu schauen, welche Persönlichkeiten in der Gemeinschaft man ins Projekt holen kann, die auch Sprachrohr sind, und wie man das Wissen verbreiten kann.“
„In einer Region haben wir erkannt, dass die Boda-Boda-Driver, das sind Mopedtaxis, eine ganz wesentliche Rolle spielen, weil es ganz viele davon gibt und die viel im Gespräch sind, und die bekommen extra Trainings und Aufklärung.“
„Es sind maßgeschneiderte Zugänge, wie man schauen kann, Wissen herunterzubrechen auf das, was in den Regionen funktioniert.“
Entstehung und Methode von The Rain Workers
„The Rainworkers hat früher Aktion Regen geheißen und eine Gynäkologin war ausschlaggebend, dass da ganz viel passiert ist.“
„Damals wurde die Zykluskette bekannt, die wir heute noch verwenden, mit der Frauen sehr niederschwellig anhand von Perlen, über die ein Gummiringerl gezogen wird, ihren Zyklus monitoren.“
„Wir haben im letzten Jahr ca. 22.500 Menschen erreicht mit Aufklärungssessions oder „Treetings“, wie wir es nennen. Also Meetings unter Bäumen.“
„Was The Rainworkers gut geschafft haben, ist, ein echt sehr fundiertes, auch wissenschaftlich fundiertes Trainingsmanual zu entwickeln und anzubieten und über die Partnerorganisationen vor Ort Rainworkers auszubilden.“
Sexuelle Gesundheit trotz Tabus und Sprachbarrieren
„Manchmal ist es rein rechtlich nicht erlaubt, bestimmte Dinge anzusprechen. Zum Beispiel darfst du in manchen Ländern in den Schulen nicht über Verhütung sprechen.“
„Was ich spannend finde, ist, wie wissbegierig, wie wahnsinnig aufgeschlossen, emanzipiert und feministisch unsere KollegInnen vor Ort sind.“
„Manchmal geht’s nicht darum, was man sagen kann von der Haltung her, sondern es fehlen einfach die Worte. In den lokalen Sprachen fehlen manchmal die Worte für Sexualorgane.“
Teenage Mums und Aufklärung in Nairobi
„Wir arbeiten mit einer Partnerorganisation in Nairobi, in einem Gebiet, wo die Menschen wenig Perspektiven haben. Es gibt viel sexualisierte Gewalt, die Anzahl der Teenage-Schwangerschaften ist sehr hoch, Mädchen werden dort sehr früh Mütter und sehr viele auch ungewollt. Das Projekt hat einen Fokus auf Teenage Mums und bietet eine Kombination aus psychologischer Betreuung, aber auch eine Berufsausbildung.“
„Die Aufklärung ist in diesem Projekt sehr niederschwellig, z. Bsp. zeigen die AusbildnerInnen anhand von Sketches, wie Kinder entstehen.“
„Die Rainworkers gehen auch in die Schulen für Aufklärungssessions und decken auch Wissen ab, das die Lehrpersonen nicht haben oder das auch nicht Teil des Curriculums ist.“
Zuhören, Beitrag leisten und Sinn
„Ich habe gerade einen Einführungskurs zur Trauerbegleitung gemacht.“
„Ich übe gerade das Zuhören.“
„Ich sehe es als wirklich positiv und ein Geschenk, etwas beizutragen, dass es besser ist.“
„Für mich ist es total erfüllend, dass ich mir denke, ich habe diese Arbeitszeit, die ich verwenden muss, und dann kann ich vielleicht einen kleinen Beitrag leisten, dass es besser ist.“
Sexuelle Gesundheit als gemeinsame Verantwortung
„Wir achten bei den Rainworker-Ausbildungen darauf, dass wir Männer und Frauen ausbilden.“
„Der Ansatz, Frauen zu stärken und dass sie selbstbestimmte, informierte Entscheidungen treffen können, funktioniert nur, wenn man die andere Seite auch reinholt.“
Kulturelle Unterschiede und Begegnungen
„Ich bin grundsätzlich sehr neugierig und offen, auch wenn ich oft behaupte, dass ich auf Menschen gar nicht so gut zugehen kann.“
„Es ergeben sich total witzige Situationen, wenn man von total außen wo reinkommt.“
„Oft sind es Kleinigkeiten, die man tut, gerade wenn so große kulturelle Unterschiede sind. Ich war zum Beispiel schon sehr lange in Uganda, bis mir jemand gesagt hat, dass es total unhöflich ist zu sagen, dass das Essen gut riecht.“
„Ich habe gelernt, dass man in Uganda in die Küche geht und mit einem Löffel kostet und den Geschmack kommentiert, nicht den Geruch.“
Tabus aufbrechen
„Ich als Person bin schon eher Panzer durch Türe.“
„Ich versuche, dass andere Arbeiten für andere spannend zu machen, die wiederum damit arbeiten.“
„Ich finde, es gibt keine Themen, die man nicht auch beim Kaffee in der Pause diskutieren kann, vorausgesetzt, man retraumatisiert nicht andere damit.“
„Bei Tabus sehe ich oft ganz wenig Notwendigkeit, die noch weiter zu tabuisieren. Ganz im Gegenteil, klare Sprache oder das Angebot, über etwas zu sprechen, ist wichtig.“
Zukunft der Aufklärungsarbeit
„Ich glaube, dass der Bedarf an sexualpädagogischer Aufklärung größer werden wird.“
„Das Schöne an der Arbeit der Rainworkers ist, dass Wissen angeboten wird, aber trotzdem geht’s dann darum, dass die Frauen und Mädchen selbstbestimmt informierte Entscheidungen treffen.“

